Delir im höheren Lebensalter:
DELEIhLA-Projekt und S3-Leitlinie setzen neue Standards für eine sektorenübergreifende Versorgung
Mit dem Abschluss des durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderten Projekts DELEIhLA (Delir-Leitlinienentwicklung fürs höhere Lebensalter) liegt erstmals ein strukturierter, evidenzbasierter Rahmen zur Entwicklung und Implementierung einer S3-Leitlinie für das Delir im höheren Lebensalter vor. Der Ergebnisbericht des Projekts bildet gemeinsam mit der Langfassung der S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ (AWMF-Register 109-001) eine zentrale Grundlage für die zukünftige Versorgung älterer Patientinnen und Patienten.
Diese Leitlinie ist die erste Leitlinie, die von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) initiiert und federführend durchgeführt wurde. Damit markiert sie einen bedeutenden Meilenstein in der Entwicklung evidenzbasierter Standards für die Versorgung gerontopsychiatrischer Erkrankungen im höheren Lebensalter.
Das Delir stellt eine der häufigsten und zugleich folgenreichsten Komplikationen im höheren Lebensalter dar. Es ist gekennzeichnet durch eine akut einsetzende, fluktuierende Störung von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Kognition und tritt insbesondere bei vorbestehender Vulnerabilität auf. Zahlreiche Studien belegen die Assoziation mit erhöhter Mortalität, funktionellen Einbußen, beschleunigtem kognitivem Abbau sowie einer gesteigerten Institutionalisierungsrate.
Ziel des Projekts DELEIhLA war es, ein methodisch fundiertes Konzept zur Entwicklung einer interdisziplinären und interprofessionellen S3-Leitlinie zu erarbeiten, die den gesamten Versorgungspfad abbildet. Der Ergebnisbericht dokumentiert einen systematischen Prozess, der evidenzbasierte Literaturrecherchen, zwei eigene Metaanalysen, strukturierte Konsensverfahren und die Einbindung von mehr als 40 relevanter Fachgesellschaften und Verbände umfasste. Auf dieser Grundlage wurden 69 evidenzbasierte Handlungsempfehlungen formuliert.
Die resultierende S3-Leitlinie adressiert Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Delirs in allen relevanten Versorgungssettings außerhalb der Intensivmedizin. Ein zentrales Leitlinienprinzip ist die Priorisierung nicht-pharmakologischer, Multikomponenten- Interventionen zur Delirprävention und -behandlung. Ergänzend werden strukturierte diagnostische Verfahren sowie indikationsbezogene pharmakologische Strategien beschrieben.
Von besonderer Bedeutung ist die verpflichtende Ursachendiagnostik. Die Leitlinie stellt klar, dass ein Delir immer als Ausdruck einer zugrunde liegenden somatischen Störung zu verstehen ist und daher eine strukturierte Abklärung potenzieller Ursachen zwingend erfolgen muss. Die Behandlung des Delirs ist untrennbar mit der Identifikation und Therapie der auslösenden Faktoren verbunden.
Delir bei vorbestehender Demenz
Ein besonderer Schwerpunkt der Leitlinie liegt auf dem Delir bei vorbestehender Demenz, das als häufiges und klinisch besonders relevantes Szenario beschrieben wird. Die Leitlinie betont, dass eine Demenz das Risiko für ein Delir deutlich erhöht und zugleich die Diagnostik erschwert. Akute Veränderungen des kognitiven oder funktionellen Zustands dürfen daher nicht vorschnell als Fortschreiten der Demenz interpretiert werden.
Vielmehr ist bei Menschen mit Demenz jede akute oder fluktuierende Verschlechterung als potenzielles Delir zu werten und entsprechend leitliniengerecht abzuklären. Auch in dieser Konstellation gilt das Prinzip der zwingenden Ursachendiagnostik, da Delirien bei Demenzpatientinnen und -patienten häufig Ausdruck behandelbarer somatischer Auslöser sind. Die Leitlinie unterstreicht zudem die besondere Bedeutung kontinuierlicher Beobachtung sowie nicht-pharmakologischer Maßnahmen in dieser vulnerablen Patientengruppe.
Die frühzeitige Erkennung bleibt dabei essenziell. Aufgrund des fluktuierenden Verlaufs erfordert das Delir eine kontinuierliche klinische Beobachtung. Die Leitlinie hebt die zentrale Rolle ärztlicher und pflegerischer Fachkräfte in der Erkennung, Dokumentation und Weiterleitung relevanter Befunde hervor.
Der Ergebnisbericht von DELEIhLA unterstreicht zudem die Bedeutung der interprofessionellen Zusammenarbeit. Pflege, Medizin und weitere Gesundheitsberufe tragen gemeinsam zur Umsetzung der Leitlinienempfehlungen bei. Ergänzend wurde eine Patientenleitlinie entwickelt, um Betroffene und Angehörige evidenzbasiert zu informieren und aktiv in den Versorgungsprozess einzubeziehen.
Mit der Einreichung der S3-Leitlinie in das AWMF-Leitlinienregister steht nun ein nationaler Versorgungsstandard zur Verfügung. DELEIhLA und die S3-Leitlinie leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Qualitätsverbesserung der Delirversorgung im höheren Lebensalter und schaffen eine belastbare Grundlage für die Implementierung evidenzbasierter Strukturen in allen relevanten Versorgungsbereichen.
Hier finden Sie die S3 Leitlinie im Original:
📑 Kurzfassung (für Fachkreise)
➡️ S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ – Kurzfassung (AWMF-Register)
Die Kurzfassung bietet eine strukturierte Zusammenstellung der zentralen Empfehlungen für die klinische Praxis und eignet sich insbesondere für Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Gesundheitsberufe.
👥 Patient:innenleitlinie
➡️ Patient:innenleitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ (PDF)
📄 Langfassung (vollständige S3-Leitlinie)
➡️ S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ – Langfassung (PDF)
Die Langfassung enthält die vollständigen evidenz- und konsensbasierten Empfehlungen einschließlich Methodik, Evidenztabellen, Metaanalysen und Konsensusprozessen.
Die DGGPP
Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. 1992 gegründet, um die medizinische und pflegerische Versorgung psychisch kranker Älterer zu verbessern
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